Archive für April 2010

Ich fühle was, was Du nicht siehst

Es gibt Phantomgefühle, Phantomsensationen und den Phantomschmerz. Ich habe alle kennen gelernt. Mein linker Fuß war ja seit 2008 gelähmt…und ich hatte immer wieder versucht, die entsprechenden Muskeln zu bewegen. Diese Aktivierung der Nerven versuche ich jetzt auch unbewusst immer wieder einmal. Der Erfolg ist natürlich der Gleiche…es bewegt sich nichts. Ab und zu juckt meine Wade…oder die Fußsohlen. Das ist schon etwas unangenehmer, da ich nicht kratzen kann.
Beim Entfernen der unvermeidlichen Unterdruckflasche aus dem Bein, einen Tag nach der OP, dachte ich, jemand würde mir heißes Öl auf den linken Fuß kippen. Unfassbarer Schmerz. Da muss dieser Schlauch genau an oder auf dem Nerven gelegen haben. Auch jetzt noch, wenn ich diese Stelle aus Versehen berühre, löse ich einen Schmerzreiz aus. Diese Schmerzen sind unglaublich stark.
Seit drei Tagen trage ich stundenweise einen so genannten Liner; eine Art Silikonüberzieher, über dem Stumpf. Mit diesem Liner soll der Stumpf geformt und abgehärtet werden. Das Anlegen und Ausziehen ist sehr unangenehm.
Gegen die Schmerzen bekomme ich hier ausreichend Medikamente. Ich habe absolut keine Rückenschmerzen mehr…eine echte Sensation. Ich weiß, dass ich das Polamidon nicht ewig bekomme…und mir graut schon davor, wieder nur stundenweise sitzen oder liegen zu können. Ich habe ja jetzt zusätzlich das Problem, dass ich nicht eben mal eine Runde durchstrecken kann. Ich kann zur Zeit nur sitzen oder liegen.
Mit den Krücken kann ich nicht umgehen. Ich wackel einfach nur dumm in der Gegend rum. Ich fühle mich auch sehr unsicher damit. Ich liege ja seit ein paar tagen auf einem Privatversicherten Zimmer mit eigenem Klo. Da hüpfe ich lieber hin, als das ich die Krücken benutze.
Das mit dem Privatversichertenzimmer ist natürlich ein absoluter Luxus in diesem alten Krankenhaus. In den normalen kleinen Drei-Bett-Zimmern gibt es nur ein Waschbecken, kein Klo, kein TV und nur einen Radiosender (mit überwiegend Volksmusik). Jetzt liege ich in einem Zwei-Bett-Zimmer, habe ein eigenes Klo und eine Dusche…und Fernsehen und Radio am Bett. Hoffentlich kann ich das noch eine Weile genießen. In spätestens zwei Wochen beginnt meine Reha.

Ach Mensch…wie geht es Dir denn

Ja…wie geht es mir denn? Seit ich 2005 diese permanent zunehmenden Gehbeschwerden entwickelte ging es mir immer schlechter. Je mehr Schmerzen, desto mehr Schmerzmittel, desto unangenehmer wurde es für mich. Die Schmerzmittel hatten die durchaus erwünschte Nebenwirkung, bedarfsweise einfach auszusteigen. Mit der entsprechenden Dosierung war ich in der Lage, an nichts mehr denken zu müssen oder auch nichts mehr fühlen zu müssen. Diese Teilnahmslosigkeit hatte meine Beziehung enorm negativ beeinflusst und ich habe es nur Veras unglaublicher Kraft und Ausdauer zu verdanken, dass unsere Beziehung noch hält und zunehmend intensiver wird. Ende letzten Jahres habe ich eine 3-monatige Entgiftung durchgezogen, was einem Zug an der Reißleine gleichkam. Außer dem Vorteil wieder klar im Kopf zu sein, habe ich viele neue Bekannte und Freunde gefunden.Wie geht es mir denn nun?
Letzte Woche kam ich gerade mal vom Sofa zum Klo. Und das auch nur mit ziemlich ätzenden Schmerzen. Jetzt laufe ich zwar auch nicht weiter…habe aber das Gefühl, einen Ausweg gefunden zu haben. Mit einer zukünftigen Prothese wird es mir hoffentlich wieder möglich sein, normale Gehstrecken zurück zu legen. Nur die Vorstellung reicht aus, bei mir ein entspanntes Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Tatsächlich rolle ich hier mit einer Art Dauergrinsen durch die Gänge. Diese gezeigte positive Einstellung überträgt sich auch auf das Personal und meine Besucher. Kommt jemand zum ersten Mal zu Besuch, ist der Gesichtsausdruck jedes Mal gleich. Die Augenbrauen sind zweifelnd nach oben gezogen…die Mundwinkel in Trauer nach unten. Selbst die Stimmlage ist gelebte Trauer und Unsicherheit. „Wie geht es Dir denn?“ Wenn ich wahrheitsgemäß antworte, bemerke ich grundsätzliche Skepsis. Aber es ist nun mal so…mir geht es echt saugut!

Tag 5 postoperativ

Samstag wurde das Bein amputiert…und Sonntag konnte ich schon vollkommen schmerzfrei meine erste Zigarette rauchen. Eigentlich sollte ich spätestens jetzt mit dem Rauchen aufhören…aber ich bin seit 30 Jahren bekennender Kettenraucher. Vielleicht ist die Reha ein guter Zeitpunkt.
Das ich vollkommen schmerzfrei bin, erstaunt mich selbst. Normalerweise bin ich zwar nicht wehleidig, aber eine Amputation eines Unterschenkels sollte doch irgendwie weh tun. Hier im Krankenhaus versucht man alles mögliche, mich schmerzfrei zu halten. Mit einem Medikament versucht man den Phantomschmerz in den Griff zu bekommen, der sich bei mir schon ab dem ersten Verbandwechsel zeigte. Drücke ich auf eine bestimmte Stelle am Stumpf, brennt mein nicht mehr vorhandener Zeh oder meine Wade mit unfassbarer Stärke. Wie heißes Öl. Allerdings kann ich diesem Schmerz nicht ausweichen; das Bein nicht zurückziehen. Ich bin ja nun ein alter Medikamenten-Junkie…da schlagen einfach keine Aspirin mehr an. Deshalb bekomme ich zusätzlich noch L-Polamidon. Das ist schon ein echter Knaller…macht aber nicht blöd in der Birne. Das Zeug, das ich sonst konsumiert habe (und ich schreibe extra nicht „benötigt“), hat den Kopf einfach ausgemacht.
Beide Mittel zusammen erzeugen  auf jeden Fall eine fast komplette Schmerzlosigkeit. Die erlaubt mir, mich viel zu bewegen und vorgestern habe ich bereits das erste Mal Krücken ausprobiert. Die mag ich wirklich nicht, eiere ich doch ziemlich heftig damit durch die Gegend. Lieber hüpfe ich einbeinig zum Klo, als dass ich mich mit den verdammten Dingern irgendwo am Waschbecken verfange.
Gestern wurde der Stumpf vermessen und heute soll ich einen so genannten Liner bekommen…eine Art Stumpftrainer, damit dieser die richtige Form bekommt und abgehärtet wird.

Rückschau

Seit Geburt habe ich einen erblich bedingten hohen Cholesterin- und Triglyceridspiegel. Liegen normale Blutfettwerte bei 100 bis maximal 200, ist mein Cholesterin bei 600 bis 800. Beim Bund hat man mich einmal 4 Wochen auf eine fettfreie Diät gesetzt…ohne Erfolg. Irgendwie geriet dann diese Erkrankung bei mir in Vergessenheit; beeinflusste sie mich ja auch nicht. Als weitere Gesundheitseinschränkung habe ich, ebenfalls seit Geburt, einen verengten Spinalkanal, also eine Verengung der Wirbelsäule. In meiner Jugend brachte mir das regelmäßig Rückenschmerzen ein; war ich ja auch zeitlebens ein extremer Sportmuffel.
Am Ende meiner Bundeswehrzeit hatte ich meinen ersten Serienbandscheibenvorfall. Seit 1995 leide ich immer wieder an massiven Rückenschmerzen, weil sich irgendeine Bandscheibe verschoben hat. 2005 bemerkte ich zum ersten Mal, dass ich nach einer Gehstrecke von über 2 Kilometern Schmerzen im linken Fuß bekam. Das Auftreten wurden zunehmend unangenehmer. Ein halbes jahr später traten diese Schmerzen auch rechts auf. Meine mögliche Gehdistanz verringerte sich zunehmend. Im November 2008 wachte ich morgens auf und stellte fest, dass mein linker Fuß gelämt war. Ich wurde in ein Krankenhaus verlegt und man versuchte dort wochenlang mit allen möglichen und teilweise sehr unangenehmen Untersuchungen, herauszufinden, was denn der Grund für diese spontane Lähmung sein könnte. Eher zufällig stellte man fest, dass ich links keinen Fußpuls hatte. Eine Angiographie erbrachte den Befund: Gefäßverschluss der Arteria femoralis. Es wurde ein sogenannter Stent gesetzt und die Neurologen waren froh, eine Erklärung gefunden zu haben:
Ein großer Nerv, der das Bein versorgt, war nachhaltig geschädigt, was zu einer Lähmung führte. Die Lähmung setzte den Stoffwechsel im Bein herab, was dazu führte, das meine hohen Blufette sich ungehindert ablagern konnten. Es kam zu einem Gefäßverschluss durch abgelagertes Cholesterin…quasi eine Fettembolie.
Vier Monate später musste ich erneut ein Krankenhaus aufsuchen, da mein linker Fuß kalt geworden war und die Schmerzen zugenommen hatten. Die Oberschenkelarterie war erneut zu; der Stent war dicht.  Es folgte eine Bypassoperation, bei der meine große Beinvene entnommen, ausgeschabt (wegen der Venenklappen) und als neue Arterie wieder eingesetzt wurde. Dieser Bypass hielt drei Tage; danach war auch er zu. Karfreitag 2009 kommt der Oberarzt zu mir und erklärt, dass eine Amputation drohe, da kein geeignetes Gefäß mehr vorhanden sei. Der Zustand meiner unteren Arterien sei so schlecht, dass man dort einfach keinen weiteren Bypass anschliessen könne. Die Amputation sollte direkt nach Ostern erfolgen.
Natürlich war ich geschockt, irritiert, verunsichert. Am Samstag erzählte ich es meiner Lebensgefährtin (Vera). Und ihre erste spontane Reaktion war: “Na dann schiebe ich dich eben den Rest deines Lebens”. Das hat den Druck von mir genommen und ich erwartete also die Amputation.
Am Samstagabend kam der Chefarzt in mein Zimmer und eröffnete mir, dass er noch eine kleine Möglickeit sehe. Ein kleines Gefäß am Fuß sehe noch ganz gut aus; er plane einen so genannten extraanatomen Bypass (ein dicker Schlauch), den er direkt an meine Beckenarterie und am Fuß mit einem Stück Vene (als eine Art Reduzierstück) anschließen wolle. Würde dies nicht klappen, müsste er mein Bein abnehmen, oder wie die Chirurgen sagen “absetzen”. Nun gut, dachte ich mir…eine kleine Chance ist besser als nichts. Ich fragte eher noch routinemäßig nach, ob nur der Fuß, oder auch ein Teil des Unterschenkel dran glauben müsste und erfuhr, dass im Falle einer Amputation das gesamte Bein, also auch der Oberschenkel, betroffen wäre. Das machte mir dann doch Sorgen.
Die Operation glückte, und ich wachte mit einem Gartenschlauch im Bein auf, der sich sehr unangenehm unter der Haut seinen Platz suchte.
Meine maximale Gehdistanz war danach zwar etwas größer, für einen Job aber reichte sie nicht aus. In all den Jahren habe ich viel Schmerzmittel genommen…und zum Schluß war die tägliche Dosis eines bestimmten Medikamentes so hoch, dass ich eine Entgiftung durchführen musste. Ich gebe zu, mich regelrecht abgeschossen zu haben, weil mich die Schmerzen einfach unglaublich belastet hatten.
Das neue Jahr 2010 begann für mich clean und ich hatte mich mit meinen Schmerzen beim Gehen irgendwie abgefunden. In einer Schmerzklinik wurde versuchsweise ein neues Medikamnet ausprobiert, unter dem ich allerdings innerhalb von drei Wochen 10 Kilogramm zugenommen hatte.
Ich beantragte nun meine Rente, da an ein Arbeiten einfach nicht zu denken war.
Am 11.04. wurde mein Fuß kalt. Ich hielt noch zwei Tage durch; dann ging ich wieder ins Krankenhaus. Am 14.04. wurd nochmals versucht, mit einem Bypass die Durchblutung wieder herzustellen; er hielt nur ein paar Stunden. Am 17.04. schließlich amputierte man mir den linken Unterschenkel, ein Stück unterhalb des Knies.

Nu is es ab

Ich weiß es schon seit einem Jahr. Letztes Ostern wurde mir gesagt, der Bypass in meinem Bein ist nicht für die Ewigkeit. Nach Jahren des schmerzhaften Gehens, mehrerer Operationen und nicht enden wollender Krankenhausaufenthalten ist am Samstag mein linkes Bein nun endgültig dem Messer zum Opfer gefallen.
Jetzt möchte ich meine Erfahrungen als Einbeiniger bloggen. Vielleicht hat das einen therapeutischen Einfluss auf mich…auch wenn ich das gar nicht brauche. Vielleicht wird es aber auch sehr wichtig für mich, meine Erfahungen und Gefühle zu beschreiben, ist dieser Einschnitt (lol) in meinem Leben doch ziemlich gravierend.

nach den Bypässen aber noch zweibeinig

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